Digitalisierung in der chemischen Industrie

Die deut­sche Che­mie­in­dus­trie hat erst spät auf die Digi­ta­li­sie­rung gesetzt – dafür sind die Hoff­nun­gen jetzt umso grö­ßer: 69 Pro­zent der Che­mie­un­ter­neh­men sehen einen star­ken bis sehr star­ken Ein­fluss der Digi­ta­li­sie­rung etwa auf ihren Ver­trieb, aber nur 26 Pro­zent sind bei der Ein­füh­rung digi­ta­ler Tech­no­lo­gi­en und Pro­zes­se in die­sem Bereich bereits weit oder sehr weit fort­ge­schrit­ten.

Ähn­li­che Lücken zwi­schen Poten­zi­al und Umset­zung gibt es noch bei der Kun­den­be­treu­ung und der Logis­tik, die aus Sicht von 66 Pro­zent bezie­hungs­wei­se 63 Pro­zent der befrag­ten Unter­neh­men stark oder sehr stark von der Digi­ta­li­sie­rung beein­flusst wer­den. Doch auch bei der Kun­den­be­treu­ung ist die Digi­ta­li­sie­rung nur bei 26 Pro­zent bereits weit oder sehr weit fort­ge­schrit­ten, in der Logis­tik ist dies bei 24 Pro­zent der Unter­neh­men der Fall.

Die ers­ten Erfol­ge sind aus Sicht der Unter­neh­men den­noch schon sicht­bar: 47 Pro­zent der Unter­neh­men haben mit­hil­fe digi­ta­ler Tech­no­lo­gi­en schnel­le­re Durch­lauf­zei­ten erreicht, für 45 Pro­zent hat sich der Markt- und Kun­den­zu­gang ver­bes­sert.

44 Pro­zent der Unter­neh­men konn­ten bereits Kos­ten sen­ken – durch­schnitt­lich um zwölf Pro­zent. Künf­tig erwar­ten die Unter­neh­men sogar Kos­ten­ein­spa­run­gen von durch­schnitt­lich 17 Pro­zent. Und nicht nur bei den Kos­ten sieht die Che­mie­bran­che noch viel Poten­zi­al: Als die Top-3-Poten­zia­le, die sich in Zukunft mit­hil­fe der Digi­ta­li­sie­rung errei­chen las­sen, nen­nen die Unter­neh­men eine ver­bes­ser­te Daten­ana­ly­se (49 Pro­zent), Auto­ma­ti­sie­rung (34 Pro­zent) sowie eine Ver­bes­se­rung des Daten­ma­nage­ments (32 Pro­zent). Das sind Ergeb­nis­se des „Digi­Chem Sur­veys“ der Prü­fungs- und Bera­tungs­ge­sell­schaft EY, für den 101 Unter­neh­men der che­mi­schen Indus­trie zum Stand der Digi­ta­li­sie­rung in ihrer Bran­che befragt wur­den.

Aus Sicht von Frank Jen­ner, Part­ner und welt­wei­ter Lei­ter der Spar­te Che­mi­sche Indus­trie bei EY, zei­gen die Ergeb­nis­se, dass die Bran­che zwar bereits eini­ges umge­setzt, aber noch einen wei­ten Weg vor sich hat: „Die che­mi­sche Indus­trie hat erst ver­hält­nis­mä­ßig spät mit der Digi­ta­li­sie­rung begon­nen. Wir beob­ach­ten seit 2015 eine gestei­ger­te Akti­vi­tät. Wich­ti­ge ers­te Schrit­te bei der Digi­ta­li­sie­rung sind jetzt gemacht, und die Unter­neh­men fah­ren auch schon die ers­ten Erfol­ge ein. Aller­dings besteht nach wie vor eine gro­ße Lücke zwi­schen dem erwar­te­ten Poten­zi­al und dem tat­säch­lich erziel­ten Fort­schritt. Die che­mi­sche Indus­trie in Deutsch­land soll­te ihre Bemü­hun­gen ver­stär­ken und sich zum Trei­ber der digi­ta­len Trans­for­ma­ti­on ent­wi­ckeln.“

Sven Man­de­wirth, Asso­cia­te Part­ner im EY Account-Team der Che­mie­in­dus­trie unter­streicht: „Die che­mi­sche Indus­trie soll­te stär­ke­ren Fokus auf die digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on des Kern­ge­schäfts und der Geschäfts­mo­del­le legen. Die Digi­ta­li­sie­rung von Ver­wal­tung und Zen­tral­funk­tio­nen spart zwar Kos­ten, aber sichert nicht die zukünf­ti­ge Wett­be­werbs­fä­hig­keit.“

Fachkräftemangel größte Barriere für die Umsetzung der Digitalisierung

Wie vie­le ande­re Bran­chen auch, hat die che­mi­sche Indus­trie aller­dings mit dem Fach­kräf­te­man­gel zu kämp­fen. 53 Pro­zent der Unter­neh­men nen­nen als größ­te Bar­rie­re für die Umset­zung der Digi­ta­li­sie­rung, dass sie zu wenig qua­li­fi­zier­tes Per­so­nal fin­den. Die unzu­rei­chen­de tech­ni­sche Infra­struk­tur bremst aus Sicht von 39 Pro­zent der Unter­neh­men die Digi­ta­li­sie­rung aus und 37 Pro­zent nen­nen Sicher­heits­be­den­ken, zum Bei­spiel in Bezug auf Cyber­an­grif­fe oder Daten­lecks.

Und es sind vor allem die klei­ne­ren Unter­neh­men, die bei der Umset­zung hin­ter den grö­ße­ren Kon­zer­nen zurück­blei­ben: Bei der Selbst­ein­schät­zung auf einer Ska­la von Null bis Hun­dert, wobei Null kei­ner­lei Akti­vi­tä­ten zur Digi­ta­li­sie­rung bedeu­tet und Hun­dert, dass eine bereits rei­bungs­lo­se digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on gestar­tet wur­de, beträgt der Durch­schnitts­wert 61. Wäh­rend alle Umsatz­klas­sen über 100 Mil­lio­nen Euro sich knapp über die­sem Wert befin­den, sind es die Unter­neh­men mit einem Umsatz von weni­ger als 100 Mil­lio­nen Euro, die die Umset­zung der Digi­ta­li­sie­rung mit 52,5 mit Abstand am nied­rigs­ten ein­schät­zen.

Die che­mi­sche Indus­trie muss umden­ken: Sie kon­kur­riert im Kampf um IT-Fach­kräf­te plötz­lich mit ande­ren Bran­chen und braucht daher ande­re Per­so­nal­stra­te­gi­en. Und Sicher­heit betrifft nicht mehr nur allei­ne die phy­si­sche Sicher­heit der Anla­gen und Pro­duk­te, son­dern eben auch die Sicher­heit vor Cyber­an­grif­fen. Wäh­rend die grö­ße­ren Kon­zer­ne bei der Umset­zung der Digi­ta­li­sie­rung schon etwas wei­ter sind, müs­sen die klei­ne­ren Unter­neh­men auf­pas­sen, im Wett­be­werb nicht den Anschluss zu ver­lie­ren. Die Digi­ta­li­sie­rung wird noch dis­rup­ti­ve Umwäl­zun­gen mit sich brin­gen – und die Unter­neh­men müs­sen sowohl per­so­nell als auch bei der Infra­struk­tur dar­auf vor­be­rei­tet sein.“

Bis­her sei­en die Ver­än­de­run­gen eher evo­lu­tio­när geprägt gewe­sen. „Aber das wird sich ändern. So erwar­ten die Unter­neh­men für die kom­men­den drei Jah­re mehr­heit­lich eine revo­lu­tio­nä­re bezie­hungs­wei­se mit 26 Pro­zent sogar eine dis­rup­ti­ve Wei­ter­ent­wick­lung in der che­mi­schen Indus­trie.“