Die deutsche Industrie steht durch den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine und die dadurch verursachte Energie- und Rohstoffkrise vor enormen Herausforderungen. Umso mehr gilt für die energieintensiven Sektoren weiter ihren Kurs auf die Klimaneutralität zu halten. Für die industrielle Transformation braucht es mehr Tempo bei der Energiewende, mehr Kooperation und Dialog in der Akteurslandschaft und nicht zuletzt innovative Lösungen für CO2-arme Produktionsverfahren. Dies war die einvernehmliche Kernbotschaft der heute vom Cluster Dekarbonisierung der Industrie (CDI) ausgerichteten Lausitzer Fachkonferenz. Rund 370 teilnehmende Fachleute aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik folgten der Einladung des CDI. Sie gingen digital sowie vor Ort in der MesseCottbus (Brandenburg) der Frage nach, wie die industrielle Dekarbonisierung unter den politischen Rahmenbedingungen aktuell gelingen kann.

Zum Auftakt der Konferenz sprach sich Michael Kellner, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK), in einer Videobotschaft für die weitere Energietransformation in der Krise aus, um Deutschland als Industriestandort zukunftssicher zu machen: „Neben der Frage der Versorgungssicherheit sowie Bezahlbarkeit von Strom und Gas verlieren die Treibhausgasneutralität bis 2045 nicht aus dem Blick. Im Gegenteil − die Transformation ist Kernanliegen des Bundeswirtschaftsministeriums. Durch die Umstellung hin zu grünen Energieträgern schaffen wir eine Win-win-Situation: Wir vermeiden CO2 und sind gleichzeitig weniger abhängig von fossilen Energieimporten. Das BMWK unterstützt diese Umstellung intensiv auf allen Ebenen und mit mehreren Förderprogrammen. Denn die Dekarbonisierung unserer Industrie wird in der nächsten Dekade ein einschneidender Wettbewerbsvorteil sein.“

Dr. Georg Kobiela, Referent für Industrietransformation bei Germanwatch, betonte in seiner Keynote die Notwendigkeit zur Einhaltung deutscher Klimaschutzziele in der derzeitigen Krisenzeit. Anschließend widmete sich Dr. Tobias Fleiter vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI den für eine klimaneutrale Industrie notwendige Transformationspfaden. Beleuchtet wurden in verschiedenen Inputs zudem die Zukunft der Glasschmelze, der Weg der Chemieindustrie in die CO2-Neutralität, aktuelle Rechtsfragen in der Gasmangellage und die Zukunft des Energiemarktes. Zum Abschluss diskutierten sämtliche Referierenden im Expertentalk, an dem auch BMWK-Referatsleiter Dr. Axel Breeteil nahm, das Gelingen der Dekarbonisierung unter den aktuell erschwerten Bedingungen.

„Im Ergebnis der Konferenz zeigte sich, dass die Energiekrise viele sicher geglaubte Koordinaten in der deutschen Industrie und Wirtschaftspolitik verschoben und damit ursprüngliche Zeitpläne überworfen hat. Durch diesen externen Schock ist den Unternehmen einmal mehr bewusster geworden, dass es langfristig nur den Weg in die Klimaneutralität geben kann – um letztlich auch unabhängig von fossilen Energieimporten zu agieren“, sagte Andreas Findeisen, Leiter der Koordinierungsstelle des Clusters Dekarbonisierung der Industrie. Das CDI blickte mit der Fachkonferenz auch auf sein einjähriges Bestehen zurück.

CDI blickt auf ein Jahr Netzwerkarbeit

Das Cluster feierte seine offizielle Gründung im Rahmen der letzten Lausitzer Fachkonferenz im November 2021. Die vier CDI Gründungsmitglieder sind die Brandenburgische Technische Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg, das Institut für CO2-arme Industrieprozesse des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), die Fraunhofer-Einrichtung für Energieinfrastrukturen und Geothermie (IEG) und das Kompetenzzentrum Klimaschutz in energieintensiven Industrien (KEI), das auch die CDI Koordinierungsstelle betreibt. Erklärtes Ziel der Akteure ist es, mit gebündeltem Know-how die energieintensiven Industrieunternehmen beim Transformationsprozess in ihrer Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit fachlich und wissenschaftlich zu begleiten.

In den vergangenen Monaten ist das interdisziplinäre Netzwerk kontinuierlich gewachsen und umfasst mittlerweile mehr als 50 Partner aus ganz Deutschland. Dazu zählen energieintensive Unternehmen − wie etwa der Chemiekonzern BASF, der Zementhersteller Cemex und der Stahlproduzent Arcelor Mittal − sowie diverse Wissenschaftseinrichtungen und Verbände. Das exklusive Netzwerktreffen „CDI Summer Summit 2022“ hat erstmals Anfang September in der Lausitz stattgefunden. Die fachliche Arbeit im Cluster zu aktuellen Fragestellungen der Dekarbonisierung ist in Innovationsgruppen zur Prozesswärme und Akzeptanz angelaufen. Ergänzt wird dies durch externe Expertise in Form von verschiedenen Studien, die bereits beauftragt wurden.

Wissenswertes zum Cluster, seinen Partnern sowie branchenspezifische News sind über die neue CDI-Website abrufbar: www.cluster-dekarbonisierung.de. Dort finden sich relevante Fachevents in einem interaktiven Veranstaltungskalender sowie demnächst auch Jobangebote der Partnerunternehmen. „Für 2023 hat sich unser Cluster viel vorgenommen –speziell mit Blick auf internationale Konferenzteilnahmen und europäische Vernetzungen“, erläutert CDI-Koordinator Findeisen.