Kunst­stoff­müll bedeckt Strän­de und Flüs­se oder quillt aus dem auf­ge­platz­ten Bauch eines toten Fisches – der­ar­ti­ge Bil­der gehen der­zeit um die Welt. Fol­ge ist: Sel­ten war das Image der Kunst­stof­fe so schlecht wie heu­te. Sel­ten wur­den Dis­kus­sio­nen rund um den Ein­satz von Kunst­stof­fen so emo­tio­nal geführt. Fakt auf der ande­ren Sei­te ist aber, dass heu­te wohl bis auf weni­ge indi­ge­ne Stäm­me kei­ner der 7,5 Mil­li­ar­den Erden-Bewoh­ner ohne Kunst­stof­fe aus­kommt. Egal ob die­se bewusst oder unbe­wusst genutzt wer­den. Denn längst sind Kunst­stof­fe nicht nur in offen­sicht­li­chen Anwen­dun­gen wie Spiel­zeug, Haus­halts­wa­ren oder Ver­pa­ckun­gen im Ein­satz. Auch im Trans­port­we­sen, in der Elek­tro­nik­bran­che und schließ­lich in der Medi­zin sind Kunst­stof­fe wich­ti­ge, ja fast essen­zi­el­le Pro­blem­lö­ser. Was bedeu­tet die momen­ta­ne Situa­ti­on für die Kunst­stoff­bran­che, und wel­che Mög­lich­kei­ten bie­tet das Recy­cling schon heu­te?

Die Kunst­stoff­in­dus­trie ver­tei­digt sich, muss zukunfts­wei­sen­de Kon­zep­te vor­le­gen, muss bewei­sen, dass sich Kunst­stoff und Umwelt­schutz ver­tra­gen. Die The­men Sam­mel­kon­zep­te- und Sam­mel­quo­ten, Ver­wer­tungs­ver­fah­ren, Recy­cling und Cir­cu­lar Eco­no­my sind vor­der­grün­di­ger denn je. Nur logisch, dass Cir­cu­lar Eco­no­my zu den Leit­the­men der dies­jäh­ri­gen Welt­mes­se K 2019 zählt. Den Mes­se­be­su­cher erwar­ten viel­fäl­ti­ge Lösungs­an­sät­ze rund um die „grü­ne“ The­ma­tik, denn die Bran­che hat in den letz­ten Jah­ren viel auf den Weg gebracht, wie eini­ge Bei­spie­le bele­gen.

Fast zum Trotz ihres schlech­ten Images steigt die Nach­fra­ge nach Kunst­stof­fen ste­tig. So mel­det Plastics Euro­pe in sei­nem Report „Plastics – The Fac­ts“, dass die welt­wei­te Kunst­stoff­pro­duk­ti­on im Jahr 2017 bei 348 Mil­lio­nen Ton­nen und damit rund 4 Pro­zent höher als 2016 lag. In Euro­pa stieg die Pro­duk­ti­ons­men­ge der 28 EU-Län­der plus Nor­we­gen und Schweiz von 60 auf 64,4 Mil­lio­nen Ton­nen (plus 7 Pro­zent). Mit knapp einem Fünf­tel der welt­wei­ten Pro­duk­ti­ons­leis­tung nimmt Euro­pa damit Rang Zwei unter den Erzeu­gern ein, hin­ter Chi­na mit 29 Pro­zent und vor der NAFTA-Regi­on mit 18 Pro­zent. Auch wenn auf­grund einer gewis­sen Kon­so­li­die­rung die Zahl der Unter­neh­men in Euro­pas Kunst­stoff­bran­che seit der letz­ten K auf etwa 60.000 leicht zurück­ge­gan­gen ist, so hat sich die Mit­ar­bei­ter­zahl erhöht: Im Jahr 2017 arbei­te­ten mehr als 1,5 Mil­lio­nen Men­schen in der Kunst­stoff­bran­che und erwirt­schaf­te­ten einen sta­bi­len Umsatz von rund 350 Mil­li­ar­den EUR.

Ein­satz fin­den die pro­du­zier­ten Kunst­stof­fe mit fast 40 Pro­zent am häu­figs­ten in der Ver­pa­ckungs­bran­che, wo sie den wich­ti­gen Trans­port­schutz und die Siche­rung der Halt­bar­keit über­neh­men und in die­ser Funk­ti­on einen gro­ßen Bei­trag zum Umwelt­schutz leis­ten. Gera­de in der Ver­pa­ckungs­bran­che ist Kunst­stoff häu­fig das Mate­ri­al der Wahl, wenn es dar­um geht, Pro­duk­te und Leis­tun­gen res­sour­cen­ef­fi­zi­ent bereit zu stel­len. Vor allem in der Nut­zungs­pha­se spa­ren Kunst­stof­fe die meis­ten Res­sour­cen ein. Dies wird häu­fig über­se­hen, wenn in der Dis­kus­si­on die Fra­ge der Res­sour­cen­scho­nung allein auf den Umgang mit den Abfäl­len bezo­gen wird, so die Aus­sa­ge der BKV GmbH aus Frank­furt.

Fokusthema Meeresverschmutzung

Aus den ver­schie­de­nen Abneh­mer­bran­chen ergibt sich auto­ma­tisch, dass die Ein­satz­zei­ten der Kunst­stoff­pro­duk­te sehr unter­schied­lich sind, was sich wie­der­um auf die Recy­cling­ra­ten und –mög­lich­kei­ten aus­wirkt. Aber, wie Plastics Euro­pe in sei­ner Stu­die kon­sta­tiert, wird es in Euro­pa immer bes­ser ver­stan­den, dass Kunst­stof­fe am Ende ihres Lebens­wegs viel zu scha­de zum Weg­wer­fen sind. In den zehn Jah­ren zwi­schen 2006 und 2016 sei das Recy­cling von Kunst­stoff­ab­fäl­len um fast 80 Pro­zent gestie­gen. Bei Kunst­stoff­ver­pa­ckun­gen ran­gie­re das Recy­cling mit einem Anteil von 40,9 Pro­zent mitt­ler­wei­le an ers­ter Stel­le, gefolgt von der ener­ge­ti­schen Ver­wer­tung mit 38,8 Pro­zent.

Neben dem aus der öffent­li­chen Wahr­neh­mung von Kunst­stoff­ab­fäl­len resul­tie­ren­den Hand­lungs­zwang haben diver­se neue Geset­ze zu höhe­ren Recy­cling­quo­ten bei­getra­gen. So haben nach Chi­na wei­te­re Län­der in Süd­ost­asi­en, im Dezem­ber 2018 auch Tai­wan, Import­re­strik­tio­nen auf Kunst­stoff­ab­fäl­le ver­hängt. Depo­nie­ver­bo­te für Kunst­stoff­ab­fäl­le gel­ten bereits in zehn euro­päi­schen Län­dern.

Einer Lösung für das Recy­cling von Kunst­stoff­be­chern hat sich jetzt der ein­zi­ge bri­ti­sche Her­stel­ler von Auto­ma­ten­be­chern, die RPC Tede­co-Gizeh, ange­nom­men. Zusam­men mit ihrem Schwes­ter­un­ter­neh­men BPI Recy­cling bie­tet sie allen Betrei­bern von Geträn­ke­au­to­ma­ten einen Sam­mel- und Abhol­ser­vice an und berei­tet die ein­ge­sam­mel­ten Becher zu neu­en Pro­duk­ten auf. Als bei­spiel­haf­tes Enga­ge­ment ist das Pro­jekt Stop (Stop Oce­an Plastics) zu nen­nen, das Borea­lis und Sys­temiq gemein­sam mit der nor­we­gi­schen Regie­rung, Nova Che­mi­cals, Borouge und Veo­lia ins Leben geru­fen haben und jetzt als neu­en stra­te­gi­schen Part­ner den welt­größ­ten Lebens­mit­tel­kon­zern Nest­le gewin­nen konn­ten. Gemein­sa­mes Ziel ist es, einen weg­wei­sen­den Bei­trag zur Ver­mei­dung von Mee­res­müll in Süd­ost­asi­en zu schaf­fen. Nest­le hat sich zudem die Selbst­ver­pflich­tung auf­er­legt, bis zum Jahr 2025 alle Ver­pa­ckun­gen rezy­klier­bar oder wie­der­ver­wert­bar aus­zu­füh­ren.

Viele Recyclingkonzepte funktionieren bereits

PET-Fla­schen sind ein idea­les Bei­spiel für Ver­pa­ckungs­ar­ti­kel, die sich rezy­klie­ren las­sen, meist Bot­t­le-to-Bot­t­le und nicht sel­ten zu 100 Pro­zent. So ver­zeich­ne­te Euro­pa im Jahr 2017 eine Recy­cling­quo­te von ins­ge­samt 58,2 Pro­zent bei PET-Fla­schen. Aller­dings gibt es län­der­wei­te Unter­schie­de: Wäh­rend Deutsch­land und Finn­land Rück­führ­quo­ten von bis zu 95 Pro­zent errei­chen, schaf­fen Län­der am Mit­tel­meer teil­wei­se nur 40 Pro­zent, mel­det PET­core in einer Stu­die. Zum Jah­res­be­ginn 2019 stell­te der öster­rei­chi­sche Mine­ral­brun­nen Vös­lau­er die Fla­schen aller sei­ner Wäs­ser auf 100-pro­zen­ti­ge r-PET-Fla­schen um, im April kamen auch die Fla­vour-Sor­ten dazu. Wie Vös­lau­er selbst angibt, sei es sogar gelun­gen, den Mate­ri­al­ver­brauch im Ver­gleich zu ande­ren Fla­schen aus r-PET um rund ein Vier­tel zu redu­zie­ren. Auch Coca-Cola ist seit Jah­ren sehr aktiv in sei­nen Bestre­bun­gen nach­hal­ti­ge­re Fla­schen-Vari­an­ten anzu­bie­ten. Jetzt unter­nimmt der Kon­zern wei­te­re Schrit­te, um PET-Ver­pa­ckun­gen che­misch zu rezy­klie­ren und dann wie­der für die Her­stel­lung neu­er Fla­schen zu nut­zen. Eine PET-Upcy­cling-Anla­ge ent­steht der­zeit gemein­sam mit dem nie­der­län­di­schen Start-up Ioni­qa Tech­no­lo­gies in Eind­ho­ven in den Nie­der­lan­den.

Auch für Fens­ter­pro­fi­le aus PVC gibt es schon lan­ge gut funk­tio­nie­ren­de Sam­mel- und Ver­wer­tungs­kon­zep­te, die ihre Men­gen von Jahr zu Jahr stei­gern kön­nen. Inner­halb der Rewin­do-Initia­ti­ve schaff­te es der Zusam­men­schluss der füh­ren­den deut­schen Kunst­stoff­pro­fil­her­stel­ler im Jahr 2015 nach Auf­be­rei­tung über 27.000 t Rezy­klat aus Alt­fens­tern, Roll­la­den und Türen erneut in den Pro­duk­ti­ons­pro­zess zu geben. Zusam­men mit dem Kunst­stoff­pro­fil­ver­schnitt, der bei der pass­ge­nau­en Fer­ti­gung neu­er Kunst­stoff­fens­ter anfällt, fan­den so über 100.000 t wie­der­auf­be­rei­te­tes PVC den Weg zurück in den Markt. Das spa­re Res­sour­cen, Ener­gie und trägt zur CO2-Ent­las­tung bei, so Rewin­do.

Selbst­ver­ständ­lich exis­tie­ren vie­le wei­te­re funk­tio­nie­ren­de Recy­cling­kreis­läu­fe, wie bei­spiels­wei­se der für Fla­schen­käs­ten aus PE, die hier nicht alle genannt wer­den kön­nen. All­ge­mein lässt sich jedoch fest­hal­ten: Je sor­ten­rei­ner ein Kunst­stoff zurück­ge­won­nen wer­den kann, des­to bes­ser lässt er sich auf­be­rei­ten. Ech­te Pro­duk­ti­ons­ab­fäl­le gibt es heu­te fast nicht mehr. Ent­we­der wer­den die­se direkt in die lau­fen­de Pro­duk­ti­on zurück­ge­führt oder an spe­zia­li­sier­te Auf­be­rei­ter wei­ter­ge­ge­ben. Einer von ihnen ist die Hoff­mann + Voss GmbH aus Viersen/Deutschland. Sie hat sich auf die Auf­be­rei­tung von tech­ni­schen Kunst­stoff­ab­fäl­len spe­zia­li­siert und ver­edelt die­se zu hoch­wer­ti­gen Recom­pounds, die in der Auto­mo­bil­bran­che anstel­le von Neu­wa­re Ein­satz fin­den.

Rohstoffliches Recycling als Alternative

In der jüngs­ten Ver­gan­gen­heit fin­det das The­ma roh­stoff­li­ches Recy­cling und die sor­ten­rei­ne Rück­ge­win­nung der Aus­gangs­mo­no­me­ren mehr Beach­tung. Immer mehr Unter­neh­men, wie der oben erwähn­te Coca-Cola-Kon­zern, der auf das che­mi­sche Recy­cling von PET-Ver­pa­ckun­gen setzt, star­ten For­schungs- und Ent­wick­lungs­pro­jek­te. Auch der Che­mie­kon­zern Sabic gab kürz­lich bekannt, dass er gemein­sam mit dem bri­ti­schen Spe­zia­lis­ten Plastic Ener­gy aus Lon­don in den Nie­der­lan­den eine Anla­ge errich­ten wird, die in kom­mer­zi­el­len Umfang gemisch­te Kunst­stoff­ab­fäl­le zu Öl auf­be­rei­ten soll, das dann wie­der­um als Aus­gangs­ma­te­ri­al für neue Kunst­stof­fe genutzt wer­den kann. So gewon­ne­nes Aus­gangs­ma­te­ri­al schont die fos­si­len Res­sour­cen und ist ein gutes Bei­spiel für eine funk­tio­nie­ren­de Kreis­lauf­wirt­schaft. Aller­dings ste­hen der­ar­ti­ge Pro­jek­te noch am Anfang und müs­sen sich eta­blie­ren.

Bereits eta­bliert sind Kreis­lauf­kon­zep­te, in wel­chen aus Kunst­stoff­ab­fäl­len neue gefüll­te, gefärb­te oder gezielt addi­ti­vier­te Com­pounds ent­ste­hen, die die Kunst­stoff­ver­ar­bei­ter als Neu­wa­re-Sub­sti­tut für vie­le Pro­duk­te ver­wen­den kön­nen. Wie die Maschi­nen­her­stel­ler von Spritz­gieß- und Extrusi­ons­an­la­gen immer wie­der beto­nen, sei­en für die Ver­wen­dung soge­nann­ter Re-Com­pounds maschi­nen­sei­tig kleins­te bis kei­ne Anpas­sun­gen not­wen­dig.

Wie wich­tig der­ar­ti­ge Bestre­bun­gen sind, bewei­sen jüngs­te Inves­ti­tio­nen gro­ßer Roh­stoff­her­stel­ler. So über­nahm 2016 Borea­lis die mtm plastics GmbH aus Nie­der­ge­bra, die über eine Anla­gen­ka­pa­zi­tät von 30.000 jato ver­fügt und aus ver­misch­ten Kunst­stoff­ab­fäl­len Re-Polyole­fi­ne her­stellt. Gemein­sam mit dem Auf­be­rei­ter Suez über­nahm Lyon­del­l­Ba­sell im ver­gan­ge­nen Jahr den Auf­be­rei­ter QCP B.V. im nie­der­län­di­schen Gele­en, der in sei­ner moder­nen Auf­be­rei­tungs­an­la­ge mit einer der­zei­ti­gen Kapa­zi­tät von 35.000 jato aus Post-Con­su­mer-Ver­pa­ckun­gen PE- und PP-Recom­pounds her­stellt. Eben­falls im Jahr 2018 kauf­te Albis den auf Clo­sed-Loop-Pro­zes­se spe­zia­li­sier­ten Auf­be­rei­ter Wipag GmbH aus Neu­burg auf. Wipag ist seit Jahr­zehn­ten auf die Auto­mo­bil­bran­che spe­zia­li­siert und hat jetzt sogar ein Ver­fah­ren ent­wi­ckelt, um den robus­ten Werk­stoff CFK auf­zu­be­rei­ten und somit sei­ne Wie­der­ver­wen­dung zu ermög­li­chen.

Recy­cling ist nicht nur ein aus­ge­wie­se­ner Ange­bots­be­reich der K 2019, son­dern wird eben­so wie das gesam­te The­men­feld Cir­cu­lar Eco­no­my in den K Spe­cials erör­tert und dis­ku­tiert. Die Son­der­schau „Plastics shape the Future“ möch­te dabei die Poli­tik und gesell­schaft­lich rele­van­te Grup­pen ein­bin­den, wäh­rend der „Sci­ence Cam­pus“ der K 2019 für den Dia­log zwi­schen Wis­sen­schaft und Wirt­schaft steht.